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Ein Bericht in den Grafschafter Nachrichten vom 23.12.2021 von
Susanna Austrup (Text und Fotos)

Holger Neumann hält eine Senseo-Kaffeemaschine in der Hand und ist ratlos. „Jetzt sag mir mal einer, wie ich das Ding aufbekomme“, grübelt er laut. Während er noch dabei ist, dieses Problem zu lösen, dreht Hans-Gerd Sligtenhorst die letzte Schraube an dem DVD-Videogerät fest, das er sich an diesem Samstagmorgen zur Reparatur vorgeknöpft hat. Das Laufwerk war kaputt, doch der Radio- und Fernsehtechniker konnte es wieder flottmachen. Rund um die beiden Männer herrscht reges Treiben. Seit knapp einer Stunde ist das Reparaturcafé in der Halle von Beckmann Grenzland Bau an der Euregiostraße 9 in Gildehaus geöffnet und alle Reparateure sind schwer beschäftigt.
Hauke ist das jüngste Mitglied im Team. „Ich finde es doof, Sachen wegzuwerfen, ohne ihnen eine zweite Chance zu geben“, sagt der Zehnjährige. Etwas zu reparieren sei doch viel besser und würde helfen, Müll zu vermeiden. Der Grundschüler ist durch seinen Vater Holger Neumann in die Gruppe gekommen. „Ich schraube Dinge gern auseinander und wieder zusammen. Mir macht das hier viel Spaß“, verrät der Junge und läuft zu Hans-Dieter Hardt. Der ist gerade dabei, einen neuen Montageständer für Fahrradreparaturen zusammenzubauen. Er zeigt Hauke, wie er helfen kann, und schon sind beide in ihre Arbeit vertieft.

Der Staubsauger will nicht mehr. Horst Schonert schaut nach, ob er daran etwas ändern kann.

Indessen trudelt immer wieder neue Kundschaft ein, Menschen, die ein defektes Haushaltsgerät abgeben möchten oder ein kaputtes Fahrrad. Andere suchen Hilfe, wenn der CD-Player oder der Drucker nicht mehr wollen. Auch Ilka Jansen hat sich heute zum Reparaturcafé aufgemacht. In ihren Händen hält sie ein altmodisches Waffeleisen. Das habe sie von ihrer Mutter geerbt, erzählt die Gildehauserin, und dass sie an dem alten Stück sehr hängen würde. „Kein anderes funktioniert so gut wie das“, begründet Ilka Jansen, „ich hoffe, dass es wieder fit wird.“ Heribert Zensen, der heute in der Annahme sitzt, nimmt flugs alle Daten auf:
Name, Anschrift, Telefonnummer und was zur Reparatur abgegeben wurde. Kaum ist das erledigt, schiebt Johanne Wolterink ein Fahrrad in die Halle. Der Hinterreifen ist platt. Ihr Elektrofahrrad sei kürzlich gestohlen worden, erzählt die Gildehauserin, und ist froh, dass sie noch das alte Rad besitzt. Das möchte sie jetzt gern für den Übergang nutzen, bis sie für ihr E-Bike Ersatz gefunden hat. Die Chancen stehen gut, denn mit Jan Gielians gibt es einen Experten für Zweiräder in der Gruppe.
Das Reparaturcafé wurde im Sommer vergangenen Jahres auf private Initiative hin gegründet. Träger ist die evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Gildehaus. „Der Kirchenrat freut sich außerordentlich über das Engagement der Mitarbeitenden und befürwortet die Grundidee der Nachhaltigkeit unter dem Gesichts-
punkt ‚Schöpfung bewahren‘ total“, betont Pastor Lütger Voget. Dass solch ein Angebot auf Bedarf stößt, war bei der Eröffnung zu sehen. „Wir haben gleich am ersten Tag 40 Gegenstände angenommen“, berichtet Heribert Zensen. Nur Kaffee und Kuchen habe es nicht gegeben – wegen Corona, erklärt der Wahl-Grafschafter, der seine Wurzeln im Ruhrgebiet hat.
Rund 860 Repair Cafés gibt es in Deutschland. Besucher erhalten in den Selbsthilfewerkstätten fachliche Unterstützung zur Reparatur ihrer mitgebrachten Gegenstände oder liefern sie dort ab und lassen sie reparieren. Wie das Waffeleisen von Ilka Jansen. Horst Schonert hat inzwischen den Fehler gefunden: einen Kabelbruch. Die Reparatur war einfach. Der verrentete Elektriker hat das beschädigte Stück rausgeschnitten. „Haben Sie vielleicht Teig mitgebracht?“, fragt er schmunzelnd, „dann könnten wir das Waffeleisen jetzt testen.“ Leider nicht, aus den Waffeln wird heute nichts. Dafür gibt es eine dampfende Tasse Kaffee.
Heinz Böttick hat den Muntermacher mitgebracht. Er ist der Mann für die Verpflegung und Chef-Grillmeister, denn bekanntlich macht Arbeit hungrig. Auf den Rost kommt nicht irgendeine Wurst, sondern Wurst und Fleisch vom Bunten Bentheimer. Regional und nachhaltig eben. Billigfleisch vom Discounter würde einem Reparaturcafé ja auch nicht so gut zu Gesicht stehen, findet Friedhild Füser, die einzige Frau in der Gruppe und an ihren Einsatztagen für die Annahme zuständig. Thomas Wewel klappt den Deckel von dem Drucker hoch, den er gerade checkt. „Das sieht ziemlich schlecht aus“, prophezeit er. Das Gerät sei sehr alt und hätte heute nur noch einen geschätzten Wert von 25 Euro. Bei einem größeren Reparaturaufwand und eventuellen Kosten für Ersatzteile stünde das in keinem Verhältnis. Da gebe es dann manchmal Grenzen.

Ein bisschen Bürokratie fällt auch an. Dafür gibt es die Annahme mit Heribert Zensen (links).

Wasserkocher, Mixer oder Föhn: Die Lebensdauer vieler Elektrogeräte ist mittlerweile recht kurz. Billiges Material und schlechte Verarbeitung lohnen oft den Aufwand einer Reparatur nicht. Wer im Fachmarkt danach fragt, erhält ohnehin meist zur Antwort, dass ein neues Gerät billiger sei als die Reparatur des alten. Die Folge: Viele Geräte landen auf dem Müll. „Ein unverantwortlicher Umgang mit Ressourcen zulasten der Umwelt“, so die einhellige Meinung der Reparaturfreunde, die
mit ihrer Initiative zu einem bewussteren Konsum auffordern.
Reparieren ist nachhaltig, doch nicht alle Menschen sind dazu in der Lage, weil das Wissen fehlt. Hier setzt ein gemeinsames
Projekt von Reparaturcafé und dem Evangelischen Gymnasium Nordhorn (EGN) an. Der Kontakt sei über seinen Sohn Matthias, der dort Lehrer ist, zustande gekommen, berichtet Hans-Dieter Hardt. Mit Unterstützung der Gildehauser soll an der Schule eine Reparatur-AG entstehen. Dort sollen Schüler mit Reparaturarbeiten vertraut gemacht werden und lernen, ihre Räder zu reparieren. Auf Dauer ist angedacht, auch beschädigte Gegenstände im schulischen Bereich zu beheben. Noch sind beide Parteien in Verhandlung, doch wenn alles klappt, soll bis Anfang Januar ein Kooperationsvertrag unterzeichnet werden. „Es entspricht ja auch dem Zeitgeist, Dinge nicht einfach wegzuschmeißen, sondern sie zu erhalten und zu pflegen“, erklärt Projektkoordinator Elias Hoffmann vom EGN. Das Angebot richtet sich an die siebten und achten Klassen und soll ab Februar beginnen.
Gegen Mittag steht das Waffeleisen abholbereit auf einem Tisch im Eingangsbereich. Daneben gesellen sich der CD-Player und noch eine Küchenmaschine. Jan Gielians spannt das Rad von Johanne Wolterink in den Montageständer und es sieht ganz so aus, als könnte die Gildehauserin bald wieder mit ihrer Fietse fahren.
Das Reparaturcafé hat alle zwei Wochen samstags von 10 bis 13 Uhr geöffnet. Während der Pandemie kann sich das ändern. Darum empfiehlt sich vorab ein Blick auf die Internetseite: www.reparaturcafe-gildehaus.de. Ansprechpartner ist Jan Gielians, Telefon 05924 785012